Architektur vor Landschaft
Gewissermaßen neu erfunden haben Eigentümer und Gartengestalter dieses Ensemble aus Bungalow und Garten. Aus einem angejahrten Wohnhaus wurde ein modernes Büro, aus einem altmodischen Garten ein Ort für Genießer und aus einem klassischen Vorgarten eine grüne Werbefläche für die perfekte Verbindung von Architektur und Gartengestaltung.
Normalerweise heißt es im kleinen Einmaleins der Gartengestaltung, der Stil der Gartenplanung solle sich am Stil der dazugehörigen Immobilie orientieren, damit beide zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen können. Im vorliegenden Fall lautete das oberste Gebot für den Gartengestalter allerdings, die Fassade des Hauses, dessen Garten er vollkommen neu gestalten sollte, nur ja zu ignorieren.
Ein eher ungewöhnlicher und schon gar nicht lehrbuchmäßiger Ansatz, der dem Gartengestalter ein Maximum an Fantasie und Abstraktionsvermögen abverlangte, aber durchaus berechtigt war, denn: Die noch gelb geklinkerte Fassade sollte zu einem späteren Zeitpunkt modernisiert werden. Wer heute Bungalow, Wohn- und Vorgarten zwischen Wohnbebauung und Feldrand betrachtet, käme dann auch nicht auf die Idee, dass hier das Pferd gewissermaßen von hinten aufgezäumt wurde. Vielmehr präsentiert sich da ein Ensemble in perfektem Einklang.

Anziehende Gegensätze
In gewisser Hinsicht widersprechen sich Innen- und Außenräume, denn während im Inneren des Hauses heute die moderne Funktionalität eines Architekturbüros regiert, kündet der Garten von Genuss, Sinnenfreude und Entspannung – ohne allerdings ins Liebliche abzudriften. Doch dieser Spannungsbogen ist gewollt. Die kräftigen Farben der zahlreichen Blüten sind Inspiration beim Blick durch die großen Fenster, und die draußen neu geschaffenen Sitz- und Rückzugsplätze dienen dem aktiven Perspektivwechsel im Arbeitsalltag – oder auch der Entspannung zwischendurch, um aufzutanken und auf neue Ideen zu kommen.
Bewusst breiter
Ganze fünf Zentimeter sind die Fugen der Terrasse breit und damit das krasse Gegenteil von dem, was sich viele Gartenbesitzer wünschen: möglichst schmale, oder noch besser gar keine Fugen, damit sich dort kein Unkraut breit machen kann. Hier wurde das Fugenbild aber mit Bedacht gewählt, betont es doch das Großformat der Natursteinplatten und damit deren architektonischen Charakter. Der wiederum ist Reminiszenz an die nüchterne 60er-Jahre-Architektur des Hauses und die hier heute ausgeübte Profession gleichermaßen. Außerdem sorgen diese breiten Fugen in ihrer Geradlinigkeit für die Betonung von Blickachsen und ziehen den Blick quasi wie an einer Schnur direkt in den Garten. Dank des dunklen Splits, der zum Auffüllen der Fugen gewählt wurde, entsteht hier in der Horizontalen außerdem eine Art Raster, das sich so ähnlich in den Fensterflächen der Vertikalen mit ihren dunkelgrauen Rahmen wiederfindet.



Sanfter Übergang
Drinnen: Aufgeräumtheit, Klarheit, Ordnung. Draußen? Natur in ganz unterschiedlichen Abstufungen. Zunächst – der Strukturiertheit des Innenraumes nicht nur räumlich am nächsten – die Terrasse mit ihren klaren Linien und den geradlinigen Möbeln. Sie umgibt, quasi als nächste Stufe des Lockerlassens, eine üppig blühende Bepflanzung aus Rosen, Hortensien, Lavendel – in Farbigkeit und Wuchsform durchaus naturnah und trotzdem modern. Eine schnurgerade Reihe von Kugelakazien an der seitlichen Grundstücksgrenze zahlt ebenfalls auf die Kombination aus Geometrie und Natürlichkeit ein – und sorgt außerdem für Sichtschutz, wo er gebraucht wird, nämlich in der ersten Etage.
Es folgt sodann die zweite Stufe der Überleitung in die freie Natur: der Rasen. Er unterstreicht den Wohngartencharakter und überbrückt saftig grün den Raum bis zur hinteren Grundstücksgrenze. Dort schmiegt sich in den Winkel eine modern möblierte Loungeecke nebst rechteckigem Edelstahlwasserbecken, beschattet von Schirmplatanen, verborgen hinter einem Querriegel aus Hainbuchen und damit gleich nach mehreren Richtungen eingehüllt von der Natur.
Durch Formen und Material bleibt der Bezug zur Architektur aber jederzeit bestehen. Und von hier aus geht es dann endgültig in die freie Landschaft. Jenseits des Zaunes erstrecken sich flache Felder, deren Anblick durch den Verzicht auf hohe Pflanzen an der rückwärtigen Grundstücksgrenze bewusst in die Gartengestaltung einbezogen wurde.

Visitenkarte
Schon bei einer ganz normalen Wohnimmobilie sprechen Gartengestalter davon, dass der Vorgarten die Visitenkarte von Haus und Bewohnern sei. Das gilt bei gewerblich genutzten Häusern umso mehr, als der für den Geschäftserfolg so wichtige erste Eindruck, den ein potenzieller Kunde bei seinem Besuch bekommt, schon hier beginnt. Um die heutige Funktion des einstigen Wohnhauses als Büro zu unterstreichen, setzt die Gartengestaltung bewusst auf andersartige, aber dennoch grüne Gestaltungselemente: große, kubisch geschnittene Hainbuchenblöcke. Sie verweisen auf den Architekturberuf des Inhabers und greifen die Linienführung des Bungalows auf. Abmilderung und stilsichere Ergänzung sind die hausnahen Bambuspflanzungen. Sie vermitteln Leichtigkeit und Modernität gleichermaßen.
Auch der Betonplattenweg zum Haus spielt mit dem Thema Geradlinigkeit: Einerseits sorgen die großformatigen Platten für Klarheit, andererseits verhindert ihre versetzte Verlegung allzu große Geradlinigkeit.