Gewächse mit Grips
Können Pflanzen sprechen, hören oder fühlen? Treffen sie, ähnlich wie Menschen, Entscheidungen, die ein gewisses Maß an Intelligenz voraussetzen? Wissenschaftliche Untersuchungen lassen annehmen, dass die grünen Mitbewohner in der Natur viel cleverer sind als lange gedacht.
Die lebenswichtige Bedeutung der Flora als Sauerstoffproduzent und Nahrungslieferant ist unbestritten: Ohne die grünen Gewächse könnten Tier und Mensch nicht existieren. Doch auch als Heil- und Genussmittel oder als ästhetische Wegbegleiter nicht zuletzt im Garten sind sie aus der menschlichen Kultur nicht wegzudenken. Nur: Als besonders sensibel oder gar geistreich haben wir Kartoffel, Dornbusch oder Orchidee bisher nicht betrachtet. Entsprechend rabiat sind die meisten von uns, wenn wir für einen leckeren Salat Tomaten vierteln oder Blumen gedankenlos in ein Wassergefäß pressen, wohl wissend, dass ihre Tage gezählt sind.
Reine Nervensache
Künftig könnten Pflanzen allerdings in einem neuen Licht betrachtet werden. Immer häufiger sind sie nämlich bei Neurobiologen ein beliebter Untersuchungsgegenstand. Die Wissenschaftler, die sonst Nervenzellen von Menschen und Tieren erforschen, haben längst auch die grüne Welt für sich entdeckt. Obwohl Pflanzen bekanntlich keine Nerven besitzen, gibt es vergleichbare Strukturen. So nutzen Pflanzen zur Wahrnehmung von äußerlichen Reizen ebenfalls elektrische Signale.
Um diese zu erforschen, dringen die Wissenschaftler mit feinen Sonden in einzelne Zellen ein und stellen per Elektroenzephalogramm (EEG) den Fluss der Informationsübertragung dar. Botschaften im Blattwerk wandern allerdings 10.000-mal langsamer als beim Menschen. Sticht eine Biene einen Menschen in den Fuß, weiß der Kopf in Bruchteilen von Sekunden, was los ist. Eine Sonnenblume würde für diese Übertragung drei Minuten brauchen.



Wein mit Vorlieben
Von wegen Pflanzen stehen nicht auf Musik. Zehn Jahre lang bespielten Forscher für eine Studie in der Toskana einen Weinberg mit Klassik. Das Ergebnis: Die beschallten Weinblätter wurden größer und die Trauben fruchtiger als die ohne akustische Untermalung. Für Metallica oder Led Zeppelin hatten die Reben allerdings nichts übrig; Bei Klängen von Heavy Metal schrumpften die wählerischen Zuhörer.
Obwohl Grünzeug bekanntlich keine Ohren hat, reagiert es also auf Töne beziehungsweise Schall. Jede Pflanzenzelle verfügt nämlich über eine schützende Membran, die Frequenzen aufnehmen und unterscheiden kann und sogar viel empfindlicher ist als das menschliche Hörorgan.


Unterirdisches Sprachnetz
Pflanzen kommunizieren über Duftstoffe miteinander. Diese flüchtigen organischen Verbindungen werden über die Luft verbreitet. Aber nicht nur überirdisch tauschen sich Gewächse aus. So verständigen sich viele Pflanzen mithilfe von Pilzfäden im Wurzelwerk. Durch in Wasser gelöste Botenstoffe, die das Gewächs mit seinen Wurzeln schmecken kann, kommunizieren sie unter der Erde.
In einem Experiment aus Schottland wurde eine Ackerbohne mit hungrigen Erbsenläusen besiedelt und dabei mit Plastiktüten luftdicht abgedeckt. Umliegende Artgenossen, die über das unterirdische Pilznetz verwoben waren, aktivierten trotz der Luftsperre ihre Abwehrmechanismen. Über die Wurzeln können Pflanzen auch erkennen, welcher Nachbar neben ihnen wächst. Ist es ein verwandter Artgenosse, bilden sie weniger starke Wurzeltriebe aus, um sich gegenseitig nicht zu schädigen. Pflanzen unterscheiden also auch zwischen Du und Ich. Über 80 Prozent der gemeinen Landpflanze sollen über die Pilze verwoben sein, ein Wild Wide Web sozusagen.
Mensch und Natur zusammenbringen
Die gesundheitsfördernde Seite des Gärtnerns steht für Gartentherapeuten und -therapeutinnen im Vordergrund, wenn sie mit Schulen, Kitas, Umweltbildungsstätten, Senioreneinrichtungen oder Kliniken zusammenarbeiten. Dabei geht es vor allem darum, eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur herzustellen, die das Umweltbewusstsein erhöht, das allgemeine Wohlbefinden verbessert und Krankheiten lindert. Burn-out-Betroffene und emotional belastete Kinder sowie Erwachsene profitieren zum Beispiel von diesem Ansatz, denn die Arbeit mit Pflanzen an der frischen Luft lässt Sorgen in den Hintergrund treten und wirkt Depressionen und Ängsten entgegen. Gerade Menschen, die sich in ihrem Beruf fremdbestimmt fühlen, genießen ihren Gestaltungsspielraum bei der Gartenarbeit, auch wenn er nur auf ein Fleckchen Erde begrenzt ist. Die Freude über die sicht- und essbaren Erfolge ist dann in der Regel größer als die Enttäuschung über Misserfolge, die im Zusammenspiel mit den Naturgewalten weniger persönlich genommen werden. Veränderungen tolerieren, auch das ist ein therapeutisches Ziel der Pflanzenpflege. Gleichzeitig lernt man im Garten, sich dem Tempo der Natur anzupassen. „Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht“, heißt es im Volksmund, in Anspielung auf fehlende Geduld. Auch das Abwarten kann man im Garten trainieren, und vielleicht inspiriert das langsame Wachsen der Pflanzen sogar dazu, das eigene Tempo zu drosseln.


Waffen gegen Feinde
Ganz so feinfühlig gehen die grünen Erdbewohner aber nicht immer ans Werk. In Afrika wehren sich Akazienbäume gegen Antilopen, indem sie die Konzentration des giftigen Bitterstoffs Tannin in ihren Blättern bis zur tödlichen Dosis erhöhen. Der hierzulande gern verspeiste Rosenkohl und auch Mais reagieren mit ähnlichen Abwehrmechanismen gegen Käferlarven. Ein bisschen weiter treibt es die gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris), auch Sauerdorn genannt. Diese clevere Strauchart kann ihren eigenen Samen abtöten, um einen Befall durch die Sauerdorn-Bohrfliege zu verhindern.



Pflanzen sind also heller als gedacht. Die menschliche Definition von Intelligenz kann dabei aber nicht als Maßstab gelten. Schreiben, lesen oder mathematische Formeln lösen können Pflanzen natürlich nicht. Intelligenz aus Sicht der Pflanzenforscher ist lediglich ein Verhalten, das darauf ausgelegt ist, das Beste aus einer Situation herauszuholen, ob in puncto Wachstum oder Fortpflanzung. Seit Millionen von Jahren hilft dieses Verhalten Pflanzen beim Überleben. Die Forschung zeigt auf beeindruckende Weise, dass Pflanzen mehr sind als ein Wasser, Nährstoffe und Licht verarbeitendes Zellsystem.